Die Anime-Industrie hat 2024 erstmals einen globalen Umsatz von über 31 Milliarden US-Dollar erreicht. Was vor 20 Jahren noch Nischenunterhaltung für eingeschworene Fans war, ist heute Mainstream. Doch woher kommt dieser Boom – und ist er nachhaltig?
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Laut dem jährlichen Bericht der Association of Japanese Animations (AJA) wuchs der internationale Anime-Markt zwischen 2019 und 2024 um über 60 Prozent. Dabei verschob sich ein entscheidender Faktor: Der Auslandsanteil am Gesamtumsatz stieg von 46 auf über 55 Prozent. Zum ersten Mal in der Geschichte verdient die Anime-Industrie mehr im Ausland als in Japan selbst.
Die treibende Kraft dahinter sind Streaming-Plattformen. Crunchyroll meldete Ende 2024 über 15 Millionen zahlende Abonnenten weltweit. Netflix investiert seit 2018 massiv in Anime-Eigenproduktionen und Lizenzen. Selbst Amazon Prime Video und Disney+ haben ihre Anime-Bibliotheken deutlich ausgebaut.
Streaming als Wachstumsmotor
Vor der Streaming-Ära war der Zugang zu Anime außerhalb Japans umständlich. Fans waren auf Fan-Subs, Import-DVDs oder vereinzelte TV-Ausstrahlungen angewiesen. Plattformen wie Crunchyroll haben das grundlegend verändert: Neue Episoden sind oft innerhalb weniger Stunden nach der japanischen Ausstrahlung mit Untertiteln verfügbar.
Dieser Simultancast-Ansatz hat zwei Effekte:
- Piraterie sinkt: Wenn legale Quellen schnell und bequem sind, schrumpft der Anreiz für illegale Streams.
- Globale Fan-Community: Zuschauer weltweit diskutieren neue Episoden gleichzeitig, was den Hype-Effekt verstärkt.
Manga-Boom befeuert Anime-Nachfrage
Der Anime-Boom steht nicht isoliert da. Der globale Manga-Markt hat sich ebenfalls vervielfacht. In Frankreich – dem zweitgrößten Manga-Markt nach Japan – machten Manga 2023 über 50 Prozent aller Comicverkäufe aus. In Deutschland verzeichnete der Buchhandel laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels zweistellige Wachstumsraten im Manga-Segment.
Die Verbindung ist direkt: Erfolgreiche Manga generieren Nachfrage nach Anime-Adaptionen. Demon Slayer verkaufte über 150 Millionen Manga-Bände – der Anime wurde zum Kulturphänomen. Jujutsu Kaisen, Chainsaw Man und Spy x Family folgten dem gleichen Muster.
Produktionskapazitäten am Limit
Die Kehrseite des Booms: Die japanische Anime-Industrie produziert mehr Titel als je zuvor, aber die Arbeitsbedingungen haben sich kaum verbessert. Laut einer Umfrage der Japan Animation Creators Association (JAniCA) verdienen Zwischenzeichner (In-between Animators) im Durchschnitt umgerechnet etwa 10.000 Euro im Jahr – deutlich unter dem japanischen Durchschnittseinkommen.
Studios lagern zunehmend Arbeit an Partner in Südkorea, China und Vietnam aus. Gleichzeitig experimentieren Häuser wie MAPPA (Attack on Titan, Jujutsu Kaisen) und Ufotable (Demon Slayer) mit hybriden 2D/3D-Produktionspipelines, um die Effizienz zu steigern.
Kulturelle Akzeptanz hat sich verändert
Ein oft unterschätzter Faktor: Anime hat sein Stigma verloren. In den 2000er Jahren galten Anime-Fans in vielen westlichen Ländern als Nische. Heute tragen NBA-Spieler Anime-inspirierte Schuhe, Modedesigner wie Virgil Abloh (Off-White) kollaborierten mit Anime-Franchises, und Musiker wie Megan Thee Stallion und Lil Uzi Vert referenzieren offen ihre Anime-Begeisterung.
Diese Normalisierung hat den Effekt, dass neue Zuschauer den Einstieg finden, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Der soziale Druck, der früher Anime-Konsum begleitete, ist weitgehend verschwunden.
Deutsche Anime-Community wächst stetig
Auch in Deutschland ist die Entwicklung spürbar. Die Anime Messe in Leipzig, die DoKomi in Düsseldorf und die AnimagiC ziehen Jahr für Jahr mehr Besucher an. Die DoKomi meldete 2024 über 75.000 Besucher – ein Rekord.
Deutsche Publisher wie Kazé (jetzt Crunchyroll) und Carlsen Manga haben ihr Programm deutlich ausgebaut. Gleichzeitig ist Crunchyroll mit deutschen Untertiteln und einer wachsenden Synchron-Bibliothek präsent.
Ist der Boom nachhaltig?
Die ehrliche Antwort: teilweise. Der Streaming-getriebene Wachstumszyklus wird sich irgendwann abflachen, wenn die großen Plattformen ihre Anime-Bibliotheken aufgebaut haben. Die Frage ist, ob die Industrie bis dahin ihre strukturellen Probleme – niedrige Löhne, Überproduktion, Burnout bei Animatoren – in den Griff bekommt.
Was nachhaltig bleibt, ist die kulturelle Integration. Anime ist kein Trend mehr, der wieder verschwindet. Es ist ein fester Bestandteil der globalen Unterhaltungslandschaft geworden – neben Hollywood-Filmen, K-Pop und Videospielen. Die nächste Generation wächst mit Anime auf, nicht trotz, sondern wegen des Mainstreams.